Das verlassene Dorf Leopoldsreut

Der Bayerische Wald ist eine herbe und raue Landschaft und die Bewohner hatten es damals sicherlich nicht leicht, hier zu leben. Besonders die harten Winter mussten ihnen immer wieder arg zugesetzt haben, wie so manche Ortschronik zu berichten weiss und es wundert nicht, dass viele Bauern ihre Ortschaften verließen, um in anderen Gegenden ein besseres Leben zu suchen. Viele Dörfer fielen wüst und sind heute nur noch für die Historiker interessant.

So oder ähnlich muss es auch den Bewohnern des verlassenen Dorf Leopoldsreut ergangen sein. In über 1100 Metern Höhe, mit harten schneereichen Wintern und umgeben von Wald, der erst nach Stunden des Wanderns die nächste Ortschaft freigab, fristeten sie ihr Dasein, mehr schlecht als recht.

Im Jahr 1618 gründete der Fürstbischof Leopold I. das Dorf, um den Salzhandel von Passau nach Böhmen zu sichern. Dazu wurden Bauern aus den umliegenden Ortschaften angesiedelt, erhielten Land und mussten dafür die Transportwege schützen. Es war ein schlechter Tausch. Die Äcker und Wiesen waren mager und brachten auf den sandigen und steinigen Böden nur wenig Ertrag, sodass die Menschen in den bischöflichen Ländereien des Bayerischen Waldes als Waldarbeiter einen Nebenverdienst suchten. Es ist nachgewiesen, dass die Nebeneinkünfte in der Hauptsache aus Schindelschneiden bestand und die Schindelmacher von Leopoldsreut weithin bekannt waren.

Aber auch dem friedlichsten Menschen platzt einmal der Kragen und den Einwohnern von Leopoldsreut wurde das einsame und entbehrungsreiche Leben über und sie begannen, abzuwandern. Bereits 1941 musste die einklassige Schule des Ortes, sehr zur Freude der Lehrer, welche die Einöde fürchteten und den Dienst als Strafversetzung betrachteten, wegen Schülermangel ihren Dienst einstellen.

Nach dem Abwandern fehlte natürlich den Gebäuden die erhaltende Hand und sie verfielen schnell. Zum Glück wurden die Kirche und die Schule renoviert, die ehemaligen Hofstellen gekennzeichnet und somit für den Besucher ein nachvollziehbarer Grundriss geschaffen.

Viele organisierte Wanderungen im Bayerischen Wald führen die Besucher heute in die Einsamkeit des ehemaligen Ortes und zu der höchstgelegenen Volksschule Deutschlands. Neben den historischen Erinnerungen erlebt der Wanderer eine für den Bayerischen Wald typische und grandiose Landschaft, mit der erleichternden Gewissheit, hier oben in Leopoldsreut nicht leben zu müssen.